"Swiss kisses" statt Schauenburger



Artikel aus der Basellandschaftlichen Zeitung vom 8. Juli 2004

MODERNER OBSTBAU (4) / Die Kirschenhaupternte hat begonnen. Erstmals gibt es in diesem Jahr "Swiss kisses"-Früchte, eine Folge moderner Anbaumethoden und einer Kalibrieranlage.

VON ANDREAS HIRSBRUNNER

REIGOLDSWIL / GELTERKINDEN   Das Baselbiet ist zurzeit Kirschenland. Die erste von drei Wochen Haupternte hat begonnen, so auch auf dem Reigoldswiler Hof Niestelen. Hansruedi Wirz liefert zu Beginn der Ernte täglich um die 250 Kilogramm Kirschen, später in Spitzentagen bis zu 500 Kilogramm nach Gelterkinden. Dort steht seit letztem Jahr eine der europaweit grössten Kalibrieranlagen (siehe Kasten unten).
    Wirz' Verzicht, die Früchte wie früher per Hand auszusortieren, rechnet sich für ihn. Denn für grosse Kirschen gibt es bessere Preise, sofern sie exakt nach Durchmesser sortiert sind, was von Hand nicht möglich ist. Wie gestern bei der Betreiberfirma der Kalibrieranlage, der Frunoba AG, zu hören war, erhält der Obstbauer für Kirschen der Klasse 1 (ab einem Durchmesser von 21 Millimetern) zurZeit 3.50 Franken pro Kilogramm, für jene der Klasse "Extra" (ab 24 Millimeter) 5 Franken und für Früchte der Edelklasse "Premium" (ab 28 Millimeter) 7.50 Franken.

    Es lohnt sich, die Kirschen
    auswärts sortieren zu lassen.

    Von diesen Preisen werden den Bauern noch 40 Rappen für den Sortieraufwand und das Abpacken abgezogen, im Gegenzug sparen diese zu Hause Arbeitskräfte ein. Laut Beat Gisin, Geschäftsführer der Frunoba AG, lohnt es sich für einen Kirschenproduzenten, die Früchte mit der neuen Anlage sortieren zu lassen, wenn mindestens ein Drittel der Früchte grösser als Klasse 1 ist. Andreas Buser, der beim Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain für den Obst- und Weinbau zuständig ist, appellierte gestern einmal mehr an die Bauern, in moderne Obstbauanlagen zu investieren.
    Zwar seien die Investitionen für die Plastik-Abdeckungen hoch, doch könne man mit dem Kirschenanbau nach wie vor Geld verdienen, wenn die Witterung mitspiele. Die Kirschenpreise seien in den letzten 30 Jahren nominell gleich geblieben oder gestiegen, während in der Gesamt-Landwirtschaft die Preise gesunken seien. Laut Buser ist die Nordwestschweiz (Baselbiet, Fricktal und Schwarzbubenland) immer noch landesweit das wichtigste Anbaugebiet für Steinobst, doch seien die rund 150000 Hochstammbäume, von denen die Hälfte von der regionalen Kirschen stammen, in einem überalterten Zustand.

 





    Um die abgehenden Hochstämmer zu ersetzen, seien neue Kirschenkulturen notwendig - für Buser zwingend mit Regendach, denn der Marktverlange grosse Früchte. Und die müssen vor dem Regen geschützt werden, sonst platzen sie auf. Durch die Entwicklung hin zu grossen Kirschen dürften in Zukunft traditionelle, einheimische, aber eher kleinfruchtige Sorten wie etwa die "Schauenburger" an Bedeutung verlieren. Dafür müssensich die Konsumenten an den neuenNamen "Swiss kisses" (auf Deutsch Schweizer Küsse) gewöhnen, denn unter diesem Begriff werden die neuen Sorten der grössten Klasse vermarktet.
    Die Nordwestschweizer Kirschenproduzenten erwarten in diesem Jahr eine mittelgrosse Ernte von 790 Tonnen Tafelkirschen der Klasse 1, 138 Tonnen der Klasse "Extra", 978 Tonnen Konservenkirschen und 1200 Tonnen Brennkirschen. Zu den grossfruchtigen Tafelkirschen gehören auch die momentan noch roten Früchte der 'bz-Regina', jenem Kirschbaum auf dem Hof Niestelen, den die bz seit dem ersten Schnitt begleitet. Der Baum hat vor drei Tagen den obligaten Regenschutz übergestülpt bekommen. In zwei Wochen sind die "Regina-Kirschen" als letzte auf der Niestelen erntereif; zurzeit pflückt die Familie Wirz zusammen mit fünf Helferinnen aus Polen und Reigoldswil Früchte der Sorten "Summit" und "Star".
    Die Tradition polnischer Erntehilfe ist übrigens an Hansruedi Wirz' Namen ersichtlich. Dort steht nämlich seit einigen Jahren der Zusatz Zembrzuska. Dass der Begriff "Swiss kisses" bei der Kirschenernte auf der Niestelen entstanden ist, ist allerdings nicht erwiesen.



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Die Kirsche reist im Wasser.

    Die Kalibrieranlage in Gelterkinden stammt aus Australien, hat eine halbe Million Franken gekostet und sortiert derzeit täglich fünf bis sechs Tonnen Kirschen. Die Früchte werden auf ein Förderband geschüttelt, passieren den Stielschneider - hier werden am Stiel zusammengewachsene Früchte getrennt -, werden dann von einem ausgeklügelten System grössensortiert und gelangen per Transportband in die vorgesehene Verpackung. Kurz bevor sie dort sanft landen, werden die Kirschen noch von Hilfskräften auf Schäden begutachtet und je nachdem aussortiert. Die Reise einer Kirsche durch die Kalabrieranlage dauert zehn Minuten. Und da auch die fleischigen, neuen Sorten anfällig auf Druck sind, erfolgt die Reise grösstenteils im Wasserbad.(hi)



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Hansruedi Wirz freut sich des guten Ertrages 'VOLLE CHRATTEN'
Hansruedi Wirz aus Reigoldswil kann mit seiner bisherigen Ernte zufrieden sein.
FOTO SCHWARZ


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