Der Obstbauer als Lichtmanager



Artikel aus der Basellandschaftlichen Zeitung vom 23. März 2004

MODERNER OBSTBAU (1) / Wie viele Kirschen ein Baum im Sommer tragen wird, hängt nicht zuletzt vom Schnitt ab. Dies gilt auch für den Niederstamm 'Regina', den die bz durch die Jahreszeiten begleitet.

VON ANDREAS HIRSBRUNNER

REIGOLDSWIL. Die Ordnung auf dem Reigoldswiler Hof Niestelen ist fast schon militärisch, zumindest was die Obstanlagen betrifft. Da stehen Hunderte von Zwetschgen-, Mirabellen-, Apfel-, Birnen- und vor allem Kirschbäumen in Reih und Glied mit fast identischer Haltung, zumindest innerhalb der gleichen Familie. Neben dem Hof, unterhalb, oberhalb, einfach fast überall.
    Zuoberst am Hang, auf 650 Meter über Meer, thronen in elf Reihen um die 300 Kirschbäume, im Abstand von zweieinhalb Metern, alle vor vier Jahren gesetzt, darunter auch 'unser' Baum - eine Regina, okuliert auf einer Gisela 5. In der bz-Serie wird sie 'bz-Regina' genannt.
    Was für den Laien unverständlich klingt, heisst für den Obstbauern: Auf das Wurzelwerk der Sorte Gisela 5 wurde eine Regina aufgesetzt; eine Sorte mit grossen, knackigen Früchten. Die Veredlungsstelle am Stämmchen ist gut sichtbar. Sie liegt etwa 30 Zentimeter über dem Boden. Gisela 5 hat ein relativ kleines Wurzelwerk, dadurch gelangt weniger Nahrung in den Baum. Stamm und Äste wachsen entsprechend langsam. Ein Baum der weniger Holz produziert, so erklärt der Obstbauer Hansruedi Wirz, hat mehr Kraft für die Blüten und Früchte. Und weil Gisela 5 das Wachstumstempo vorgibt, schiessen die Äste der aufgesetzten Sorte nicht in die Höhe und müssen nicht zeitaufwendig nach unten gebunden werden, sondern wachsen waagrecht.

    Je mehr Licht, desto mehr Knospen.

    Hansruedi Wirz meint dazu: 'Ein guter Obstbauer muss ein guter Lichtmanager sein.' Denn dank Sonnenlicht können die Blätter viel Kohlenstoff aufnehmen. Dadurch werden die Knospen gut ernährt. Oder mit andern Worten: Je mehr Licht ein Baum erhält, desto mehr Blüten-Knospen bildet er fürs Folgejahr. Deshalb ist der Baumschnitt mitentscheidend für die spätere Fruchtmenge.

 

    Auf der Niestelen werden Tafel-Obstbäume jährlich, Konserven- und Schüttelobstbäume im Zweijahresrhythmus geschnitten. Die Kirschenanlage mit 'bz-Regina' hat Hansruedi Wirz Ende Februar geschnitten. Seine Schnittleistung beträgt etwa 300 Bäume pro Arbeitstag. Das gilt nur bei Niederstammbäumen, wohl-gemerkt, denn müsste er jeweils eine Leiter anstellen wie bei Hochstämmen - auch solche gibt's ein paar auf Niestelen -, dann würde die Produktivität massiv sinken.
    'bz-Regina' ist etwa 2,5 Meterhoch, und Wirz schneidet ihre Äste mit einem Druckluftgerät vom Boden aus. Dabei schaut er, dass der Baum eine pyramidenartige Form erhält: Die obersten Äste sind am kürzesten, die untersten am längsten. Dadurch nimmt jedes Ast-Stockwerk dem darunter liegenden nur wenig Licht weg.

    Der Schnitt beruhigt oder regt an.

    Die Jahreszeit des Schnitts hat Einfluss auf das Baumwachstum. Ein Schnitt im Sommer beruhigt es, ein Schnitt im Winter regt es an. Kirschbäume werden in der Regel zwischen November und März geschnitten. Das hat mit dem Saftdruck zu tun. Wirz formuliert es fast wie ein Dichter: 'Im Winter ist der Saft, der in der Wurzel eingelagert ist, für den ungeschnittenen Baum bestellt.' Wird er dann geschnitten, haben die verbleibenden Baumteile folglich mehr Saft zur Verfügung. Bis jetzt hat 'bz-Regina' noch nicht viel zu tun gegeben in diesem Jahr. Ausser dem Schnitt hat Wirz noch Stickstoff ausgebracht, um den Baum für die Blütezeit zu stärken.
    'bz-Regina' steht übrigens nicht nur unter ihresgleichen. Die 300-bäumige Anlage umfasst vier Sorten, um die gegenseitige Bestäubung zu sichern, das unterschiedliche Risiko der Sorten bei Frühjahrsfrösten zu mindern und die Ernte zu staffeln.

    Die bz folgt in einer fünfteiligen Serie den Stationen eines Kirschbaums vom Schnitt bis zur Ernte.
Demnächst: Schädlingsbekämpfung



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In Form bringen
Hansruedi Wirz schneidet den Baum in Pyramidenform, damit alle Äste viel Licht erhalten.

FOTO SCHWARZ



Die Wirz' sind Obstbau-Pioniere

Die Baselbieter Obstbauern sind in der Schweiz die Nummer eins im Kirschenanbau. Um diese Stellung zuhalten, investierten sie in den letzten Jahren vermehrt in moderne Niederstamm-Anlagen, die auch vom Kanton von 2001 bis 2003 mittels finanzieller Starthilfe gefördert wurden. Die Familie Wirz vom Reigoldswiler Hof Niestelen war dieser Entwicklung einen Schritt voraus. Bereits 1960 stellte Hansruedi Wirz' Vater den Hof von Milchwirtschaft auf Obstbau um. Kurz nachdem der Sohn 1990 den Hof in fünfter Generation übernommen hatte, setzte er ganz auf Obstbau, richtete eine Brennerei ein und gab die Schweinezucht auf. Wirz hat und hatte zahlreiche Funktionen in der kantonalen und eidgenössischen Obstszene und ist seit kurzem auch Landrat. (hi)



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